1.4 Die Lösung für dein tierisches Verhaltensproblem ist schon da - in dir!
Mach das Problem klein und lösbar
OK, wir haben also ein Problem - ein echtes Problem - aber das Problem ist nicht das Problem? Aber, Moment mal, was genau ist denn dann das Problem?
Genau das ist die Frage mit der wir uns in Schritt 3 auf unserem Weg aus dem Stress-Modus beschäftigen.
Indem wir das Problem auf das Wesentliche reduzieren, wird es lösbar. Nicht weil wir dadurch auf einmal stärker oder schneller sind als der Tiger, sondern schlauer.
Im letzten Artikel haben wir gesehen: Wenn wir wirklich helfen wollen – egal ob einem Menschen oder einem Tier –, müssen wir zuerst verstehen, was tatsächlich passiert. Und zwar aus Sicht des Anderen.
Nicht, was wir vermuten.
Nicht, was wir bewerten.
Nicht, was wir gerne glauben würden.
Nicht, was wir schon einmal erlebt haben.
Sondern: Was ist da wirklich?
Aktiviere deinen inneren Sherlock
Ab hier ist es eigentlich egal, ob man sich selbst, einem Kind oder einem Haustier aus dem Dauerstress helfen möchte.
Wir brauchen eine exakte Beschreibung des Problems.
Was genau ist hier los?
Und zwar hyperobjektiv.
Eine Beschreibung.
Keine Interpretation.
Keine Beurteilung.
Keine Gründe, Ausreden oder Erklärungen.
Nur Fakten:
Was kann ich hören, sehen, anfassen, riechen, schmecken?
Stufe 2 - mindestens
Die Königsdisziplin besteht darin, diese Problembeschreibung auch aus Sicht des Tieres durchzuführen. Das erfordert manchmal etwas Recherche: Wie Kommunizieren Katzen? Was ist Katzen im Allgemeinen wichtig, was ist ihnen im Zusammenleben mit anderen Katzen wichtig … und Menschen … und Hunden … und so weiter? Was ist dieser! Katze wichtig? Was hat diese Katze möglicherweise erlebt, das ihre Prioritäten beeinflusst? Wofür wurde diese Hunderasse über Jahrhunderte gezüchtet? Welche Aufgaben erledigen Hunde im Allgemeinen, Vertreter dieser speziellen Rasse und dieses Individuum selbstverständlich … oder nur höchst ungerne? Wurden in diesem Individuum verschiedene Rassen miteinander kombiniert, so dass dieser Hund möglicherweise gegensätzliche Instinkte und Impulse in sich vereint?
Wer jetzt das Gefühl hat gerade Hausaufgaben aufbekommen zu haben: der fühlt ganz richtig. Diese Informationen braucht man, um sich in das eigene Tier hineinzuversetzen. Das ist eine Fleißarbeit, ohne die wir kaum ein tieferes Verständnis unseres Familienmitglieds, das nunmal einer anderen Spezies angehört, zu erlangen. Um eben die Dinge aus Sicht der Pfoten des Gegenüber zu betrachten. Mach nicht den Fehler hier in irgendwelche romantischen Phantasien abzuschweifen. Keine Frage, wir erkennen uns in vielen Verhaltensweisen unserer befallen Mitbewohner wieder, aber eine Vermenschlichung oder das Andichten von menschlichen Intentionen und Motiven führt uns hier zielsicher in eine Sackgasse.
Wer einen Hütehund in einer balkonfreien Stadtwohnung hält, tut gut daran sich mit der traditionellen Haltungsweise dieser Tiere auseinanderzusetzen. Nicht, um sich in Selbstvorwürfen zu üben, weil der Hund ein völlig anderes Leben führt und die meisten angeborenen Verhaltensweisen nicht auf die gleiche Weise ausleben kann, sondern um ein Gefühl dafür zu bekommen, was diesem Hund wahrscheinlich wichtig ist.
Hier und Jetzt und Ist
Klingt nach einer Achtsamkeitsübung?
Stimmt.
Indem wir uns auf die Fakten konzentrieren, kommen wir ein Stück weit zurück ins Hier und Jetzt.
Wir müssen uns konzentrieren. Wir bewegen uns weg von den belastenden Gefühlen, die uns den Weg zum Notausgang vernebeln. Später brauchen wir die ollen Gefühle nochmal, aber jetzt brauchen schnickschnackfreie Logik.
Wir brauchen unseren Präfrontalen Kortex.
Durch die Pause, die wir im letzten Artikel kennengelernt haben, sind wir in der Lage diese Tür zu finden und zu öffnen.
Indem wir uns aber nicht auf beliebige Dinge konzentrieren, sondern auf die „Bedrohung“, suggerieren wir der Amygdala, dass wir uns um das Problem kümmern, anstatt es zu ignorieren.
Es entsteht Raum für Hoffnung, Erleichterung, Aufatmen, Durchatmen, Pulssenkung … für uns … und für unser Tier.
Outsmart the Tiger
Der Weg aus dem Stress ist innere, tatsächlich empfundene Ruhe – aber nicht um der Ruhe selbst willen.
Die Ruhe macht uns schlau, sodass wir das eigentliche Problem lösen können, statt einen aussichtslosen Kampf gegen den Stress zu starten.
Jeder muss wahrscheinlich seinen eigenen Anker finden.
Meiner ist schamloses Selbstvertrauen:
Ich kann meinem Körper vertrauen, wenn er mich warnt, und ich bin schlauer als jeder Tiger und jedes Feuer.
Und wenn nicht ich, dann jemand, den ich kenne.
Mal ehrlich:
Tiger sind viel stärker als Menschen.
Der Grund, warum es uns noch gibt, ist nicht, dass unsere Amygdala uns zu körperlichen Höchstleistungen gepusht hat.
Uns gibt es noch, weil wir schlauer sind als Tiger.
Besser noch:
Unser Präfrontaler Kortex ist derart einzigartig, dass wir sogar das Feuer beherrschen.
Wir sollten ihn nutzen!
Beschreiben, beschreiben, beschreiben
Im nächsten Schritt beschreibe ich zwanghaft neutral, was ich sehen, anfassen, hören, riechen, schmecken kann – sonst nichts!
Kein „weil“.
Kein „warum“.
Kein „bestimmt“ oder „ich glaube“.
Kein „der will doch“.
Und kein „müsste“ oder „sollte“.
Kein Urteil.
Keine Erklärung.
Keine Entschuldigung.
Nur Fakten! Wie eine Kamera.
⸻
Wenn ich das Problem genau beschreiben kann, passieren zwei Dinge:
Erstens:
Ich verlasse den Gefühls-Handlungs-Modus meines Gehirns.
Ich beruhige meine Amygdala und erhalte wieder Zugriff auf mein kreatives Problemlösungs-Erdenk-Hirn - Ich aktiviere meinen Präfrontalen Kortex.
Zweitens:
Ich kann – dort angekommen – die Schubladen mit dem Wissen über das beschriebene Problem öffnen und eine Strategie zusammensetzen.
Ich kann es mit ähnlichen Situationen vergleichen, in denen ich schon einmal erfolgreich war, oder ich habe vielleicht einen Geistesblitz.
⸻
Selbst wenn mir selbst nichts um’s Verrecken nichts einfallen will:
Wenn ich eine genaue Problembeschreibung habe, kann ich damit andere Menschen – Menschen, die gerade auf ihren Präfrontalen Kortex zurückgreifen können und eventuell sogar eine Menge Erfahrung mit genau diesem Problem haben – viel besser um Rat fragen, als wenn ich wie ein aufgescheuchtes Huhn kreischend unverständliche Paniklaute von mir gebe.
Also:
Was ist das Problem?
Überleben geht immer vor Leben.
Gefahren - ob nun akute körperliche Lebensgefahr, oder abstraktere Bedrohungen unserer Existenz - haben aus Sicht unseres Gehirns immer Vorrang. Wir müssen uns wirklich und wahrhaftig sicher fühlen, bevor wir nach Glück, Sinn oder Höherem streben können.
Wenn wir Gewissheit haben, dass wir in der Lage sind, aus eigener Kraft – oder gemeinsam in einer Gruppe – zu überleben, unsere Schutzbefohlenen zu beschützen und unsere grundlegenden Bedürfnisse zu erfüllen, dann kommt die Gelassenheit von ganz alleine.
Und dann können wir unsere Ziele verfolgen.
—
Ich glaube, ich konnte zum Ausdruck bringen, dass ich die subjektive Wahrnehmung von Gefahren und Bedrohungen bei der Lösung von tierischen Verhaltensproblemen für grundlegend wichtig halte - immerhin habe ich dich durch drei lange Artikel zu diesem Thema gejagt;-) Wir verlassen nun also das theoretische Stress-Land und kehren der Sicherheit ein für alle Mal den Rücken zu.
Nein, Quatsch. Natürlich nicht. Ganz im Gegenteil: der nächste Artikel nimmt sich der Sicherheit erst so richtig an. Allerdings wird es jetzt ganz konkret, praktisch und pragmatisch und vielleicht auch ein bisschen albern. Ein kleines bisschen ;-)
