1.3 Überleben oder Leben

Im letzten Artikel haben wir gesehen: Stress selber ist nicht der Feind. Er ist ein wertvolles Warnsystem unseres Körpers. Er zeigt uns, dass unser Körper eine Bedrohung wahrnimmt und dass etwas unsere Aufmerksamkeit verdient.

Schritt 1 auf unserer Anti-Stress Mission war auf den ersten Blick klein uns unscheinbar: Hinsehen!

Ignorier den Feuermelder nicht. Klar, es mag ein Fehlalarm sein, aber guck wenigstens einmal nach, ob es nicht doch brennt.

Heute machen wir den nächsten Schritt. Obwohl, eigentlich ist es gar kein Schritt. Eher das Gegenteil:

ferngesteuert

Warum ist es manchmal - oder wie in meinem Fall eher: super oft - so verdammt schwer, einfach ruhig zu bleiben und eine gute Lösung zu finden?

Warum reagieren wir – obwohl wir es eigentlich besser wissen – immer wieder auf eine Art, die wir selbst gar nicht wollen?

Die Antwort liegt in unserem Gehirn. Nicht nur in unserem. In jedem Gehirn. Auch in dem unserer Tiere.

Und sie hat sehr viel mit Tigern zu tun.

Überleben geht vor Leben - die Amygdala

Es gibt für diesen ferngesteuerten Zustand tatsächlich eine Erklärung und die hat quasi eine organische Ursache:

In unserem Gehirn gibt es zwei Areale, die – zugegebenermaßen stark vereinfacht dargestellt – dafür verantwortlich sind, ob in uns das ferngesteuerte unwillkürliche oder das selbstbestimmte überlegte Programm angespielt wird.

Das eine Areal nennt sich Amygdala oder Mandelkern – hübsch, oder?

Es ist ein alter Hirnteil, dem wir es meiner Meinung nach zu verdanken haben, dass unsere Spezies noch existiert, obwohl wir uns seit jeher diesen Planeten – schon zu Zeiten, in denen wir noch nicht über moderne Waffen und Schutzausrüstung verfügten – mit deutlich körperkompetenteren Spezies, also Tigern und so, teilen.

Mit anderen Worten:

Als wir noch mit einem Lendenschurz bekleidet waren und die Keule geschwungen haben, hat unsere Amygdala dafür gesorgt, dass wir um unser Leben gerannt sind, wenn unsere Sinne die Anwesenheit einer Raubkatze oder eine andere lebensbedrohliche Gefahr wahrgenommen haben.

Damals hat es Sinn gemacht lieber einmal zu viel als einmal zu wenig abzuhauen. Wer 10x wegrennt, obwohl nur der Wind die Blätter im Gebüsch bewegt, ist am Ende des Tages noch quicklebendig. Wer einmal gelassen sitzen bleibt, weil er das Tiger-Rascheln für falschen Alarm hält, ist sehr wahrscheinlich bald mausetot.

Angesichts einer (potenziellen, wahrgenommenen oder auch tatsächlichen) Gefahr aktiviert unser Mandelkern den Überlebensmodus in unserem Körper.

Er mobilisiert all unsere körperlichen Kräfte und sorgt für maximale physische Leistungen.

Stress

Ist dieses Programm einmal gestartet, stehen uns ausschließlich die folgenden vier Handlungsalternativen zur Verfügung:

Die 4F:

Fight, Flight, Freeze und Flirt

(Kampf, Flucht, Erstarren und Beschwichtigen)

Dieser Zustand nennt sich Stress und ist so lange eine klasse Angelegenheit, wie er zum Erfolg – aka Überleben – führt.

Erfolgreich ist die Mission dann, wenn sie einer gewissen Gesetzmäßigkeit folgt:

Gefahr wird wahrgenommen.

Der Körper nutzt eine der vier Stressreaktionen, um die Gefahr aus der Welt zu schaffen, sich von ihr zu entfernen oder sie zu neutralisieren.

Das Nervensystem reguliert sich wieder.

Es kommt zur Entspannung und Regeneration.

Wir leben noch.

Hurra!

Der Präfrontale Kortex

Weiter geht’s mit dem Tagesgeschäft.

Sobald die Gefahr gebannt ist, der Stress und seine Botenstoffe wieder abgebaut sind, können wir uns wieder unseren ursprünglichen Tätigkeiten zuwenden.

Wir können wieder konzentriert und fokussiert unserer Arbeit nachkommen und den ursprünglichen Plan umsetzen.

Wir nutzen jetzt das andere Gehirnareal, unseren Präfrontalen Kortex:

Wir handeln planvoll, überlegt und „hinternanderweg“, wie meine Mutter sagen würde.

An oder Aus

Zwei Dinge sind an dieser Stelle wichtig:

1. Im ersten Zustand – also unter Stress, wenn die Amygdala regiert – stehen uns ausschließlich körperliche oder sehr gut einstudierte also geradezu automatisierte Lösungsstrategien zur Verfügung.

2. Die Amygdala schaltet unseren Verstand, unser kreatives Denken und unser Arbeitsgedächtnis (unseren Präfrontalen Kortex) regelrecht aus, sodass wir keinerlei Zugriff mehr auf dessen Funktionen haben.

Das war, wie gesagt, historisch betrachtet von großem Wert. Tod durch Gelassenheit angesichts von Tigern und so.

Hätten wir uns im Moment des Tigerangriffs erst einmal bewusst gegen ein Nachdenken über die beste Methode zur Verteidigung entscheiden müssen, anstatt kopflos genauso zu flüchten wie immer, dann gäbe es uns wohl nicht mehr.

Wir sind also angesichts einer Gefahr nicht in der Lage, ruhig, besonnen, gelassen oder wie auch immer gechillt eine andere – möglicherweise deutlich sinnvollere – Lösungsalternative zu erdenken und zu verfolgen.

Wir sind im Autopiloten-Programm „Überleben“.

Dieser Hirn-Modus verhindert sowohl das Schmieden schlauer Lösungsalternativen als auch das selbstbestimmte „Ich lebe mein Leben und strebe nach Höherem“-Programm.

Nicht nur ‚sofort Sterben‘ ist gefährlich

Einmal mehr befinden wir uns hier an einer klassischen ‚Ja, aber..‘ -Stelle.

Ja, aber hier gibt’s doch gar keine Tiger! Wenn ich hier von Tigern und Gefahr spreche, dann ist damit nicht ein unmittelbar bevorstehendes Gefressenwerden oder ein sofortiges Totumfallen gemeint - zumindest nicht ausschließlich. Unser Gehirn nimmt alle Gefahren wahr und unterscheidet nicht zwischen akuten körperlichen, möglicherweise lebensbedrohenden Zuständen und längerfristigen oder abstrakteren Formen von Bedrohung. Unsere Gehirne und übrigens auch die unserer Haustiere, sind faszinierende Meisterwerke. Sie bewerten in atemberaubender Geschwindigkeit, ohne unser aktives Zutun, die äußeren Umstände und denken dabei um Ecken, die unser bewusster Verstand nichtmal wahrnimmt. Minimal platter ausgedrückt: unsere Amygdala meldet konsequent alles, was unser Leben irgendwie Scheiße machen könnte.

Ausschluss aus der Gemeinschaft, Verlust unseres sicheren Zuhauses, unzuverlässiger Zugang zu Wasser und Nahrung, drohender Verlust der Existenzsicherung, unzureichender Schutz vor unbekannten Eindringlingen - sind abstrakte Beispiele von Gefahren auf die unser Gehirn permanent scannt.

Streit mit dem Partner oder anderen Familienmitgliedern; Sturm, Hochwasser oder Geräusche die an Naturkatastrophen erinnern; mit Hunger und einem gebrochenen Bein auf fremde Hilfe angewiesen sein; Ärger mit der Chefin, weil man zum dritten Mal den gleichen Fehler gemacht hat; eine kaputte Haustür - sind halbwegs konkrete Beispiele, die unsere Amygdala aktivieren und somit Stress und Handlungsmotivation auslösen, weil sie die Kriterien der oben beschriebenen abstrakten Gefahren erfüllen. Nein, in keiner dieser Situationen fallen wir spontan tot um. Aber unser Gehirn lenkt vollkommen richtigerweise unsere Aufmerksamkeit auf diese suboptimalen Umstände, damit wir etwas dagegen TUN.

Das Dilemma

Befinden wir uns in einer Situation, die unser Gehirn als bedrohlich und ausweglos empfindet, dann bleibt es im Überlebensmodus gefangen. Es will etwas unternehmen, damit wir wieder sicher sind. Es will handeln.

Moderne Gefahren lassen sich aber nur selten mit abhauen oder Keule schwingen (flight oder fight) beseitigen. Zwar müssen wir meistens tatsächlich handeln, da hat unser Gehirn ganz recht, aber wir brauchen erst einen Plan.

In diesem Zustand ist es aber nicht in der Lage, sich zu konzentrieren und eine schlaue alternative Lösung zu erdenken.

Es kann nur die bekannten – offensichtlich nicht zielführenden – Verhaltensweisen abspulen: Blumen für die verärgerte Partnerin (Beschwichtigung); gebannt am Fenster stehen und in den wilden Himmel starren (Einfrieren); den Helfer anmotzen, der das falsche Essen bringt (Kampf); Vermeidung eines Aufeinandertreffens oder gleich die Kündigung selber einreichen (Flucht); ein Tritt gegen die ohnehin schon kaputte Tür (Kampf)

Das Resultat:

Auswegloser Dauerstress.

Ein Teufelskreis.

Der Notausgang

Der einzige Weg aus dem Überlebensmodus ist subjektiv empfundene Sicherheit.

Denn unser Präfrontaler Kortex ist zwar abgeschaltet, das heißt aber nicht, dass er nicht wieder aktiviert werden kann.

Wir brauchen einen Ausweg, wir müssen den Schlüssel finden, der diese Tür wieder aufschließen kann, hin zu dem Ort in unserem Hirn, an dem wir ruhig und überlegt vorgehen können.

Stopp - wir brauchen erst einen Plan

Wir müssen also eine eigentlich übermenschliche Leistung erbringen: wir müssen TROTZ der tatsächlich bestehenden Gefahr eine Pause erzwingen und den eigentlichen vorgesehenen Impuls sofort zu reagieren unterdrücken.

Das fällt nicht jedem Gehirn gleich leicht. Sowohl unter uns Menschen, als auch in der Tierwelt gibt es große individuelle Unterschiede, wenn es um die Reaktivität auf äußere Reize geht. Das ist auch gut so. Wie immer im Leben gibt es hier Vor- und Nachteile.

Trauma

Negative Vorerfahrungen können diesen Prozess können bis zur Unmöglichkeit erschweren. Wer zum Beispiel ein traumatisches Erlebnis im Zusammenhang mit einer Naturkatastrophe überlebt hat, wird ohne professionelle Hilfe kaum in der Lage sein in einer ähnlichen Situation einfach eine besonnene Pause zum Überlegen einzulegen. Allein der Versuch, insbesondere wenn er von außen erzwungen wird, gleicht einer Folter und birgt die Gefahr einer gefährlichen Retraumatisierung.

An dieser Stelle drängt sich der dringende Hinweis auf, dass Traumata nicht wegtrainierbar sind. Das gilt zwar selbstverständlich auch für Menschen, aber für die bin ich nicht zuständig. Sollte bei deinem Tier die Möglichkeit bestehen, dass das problematische Verhalten auf einem Trauma beruht, muss das zwingend von einem verhaltensmedizinisch arbeitenden Tierarzt abgeklärt werden. Keine Ausnahmen!

Die Pause trainieren

In nicht Trauma-assoziierten Fällen handelt es sich allerdings um eine Fähigkeit die man trainieren kann. Diverse Methoden der Achtsamkeit, Meditation, Atemübungen etc. können helfen diese magische Pause einzulegen.

ABER keine Yoga-Übung dieser Welt löst Probleme!

Naja, zumindest nicht direkt.

Jon Kabat-Zinn, der Begründer der westlichen Achtsamkeit, beschrieb den Sinn dieser Methode sinngemäß wie folgt: Es geht darum eine Pause zwischen einem Reiz und unserer Reaktion entstehen zu lassen. Diese Pause ermöglicht es uns, unsere Handlung bewusst zu steuern.

Ebenso wie die traditionellen Vorbilder der Achtsamkeit, wie zum Beispiel Meditation und Yoga, dient sie also nicht einem Selbstzweck. Die Idee ist nicht, dass wir ruhig werden um stoisch alles hinzunehmen und zu ertragen, was die Welt so für uns bereithält. Der Sinn besteht darin unsere Fähigkeit zur Pause so zu perfektionieren, dass wir auf all den Mist da draußen genau so reagieren können, wie wir es wirklich wollen.

Die Fähigkeit zu dieser magischen Pause ist glücklicherweise in uns Menschen bereits vorinstalliert. Das ist eine tolle Sache und unterscheidet uns wahrscheinlich - mindestens in ihrer potentiellen Ausprägung - maßgeblich von unseren Tieren. Diese Pause wird häufig als eine Art Kontrollschleife zwischen Amygdala und Präfrontalem Kortex beschrieben. Wie gut wir darin sind diese zu nutzen hängt einerseits von unserer Veranlagung und andererseits erfreulicherweise vom aktuellen Trainingszustand ab. Im Klartext: diese Ultra coole Fähigkeit kann man trainieren. Zum Beispiel mit Yoga, Meditation oder Achtsamkeitsübungen, eigentlich egal was, Hauptsache sie Pause zwischen Reiz und Reaktion wird länger und bewusster.

Wer ist hier der Boss?

Der menschliche Präfrontale Kortex ist um ein Vielfaches weiter entwickelt als der unserer Haustiere. Auch die eben beschriebene Kontrollschleife ist ein Feature, für das hauptsächlich unsere eigene Spezies bekannt ist.

Neben dieser Tatsache haben wir uns natürlich auch noch aus freien Stücken dafür entschieden, die Verantwortung für dieses Fell-Leben zu übernehmen.

Dass wir unseren Tieren Hilfestellung bei der Findung von gesellschaftskonformen Lösungsstrategien geben, liegt also für mich irgendwie auf der Hand.

Wer glaubhaft versichern kann, dass er bereit ist, mitzuhelfen, die Bedrohung zu bekämpfen, hat den ersten Schritt in Richtung Sicherheit bereits getan:

Denn zu zweit ist man stärker als alleine!

Aber was hat dieses ganze Hirn-Geschwafel denn mit deinen tierischen Verhaltensproblemen zu tun?

Wir haben jetzt zugegebenermaßen ganz schön viel über unser eigenes Gehirn gesprochen, obwohl wir uns doch eigentlich um das Verhalten deiner Katze oder deines Hundes kümmern wollten. Ich bin allerdings überzeugt, dass mindestens die Grundlagen dieser Vorgänge verstanden werden müssen, wenn man ein tierisches Verhaltensproblem selber angehen will. Also sorry, wenn das hier ein bisschen verkauft daher kommt, aber not sorry ;-)

Ich bin für dich da

Jetzt aber Butter bei die Hunde und Katzen:

Das Geheimnis der sogenannten Co-Regulation ist, dass man ein reguliertes Nervensystem mit aktuell funktionierendem Präfrontalen Kortex sozusagen als externe Festplatte anbietet, wenn beim Gegenüber gerade das Überlebens-Programm läuft. Nicht um das eigene Helfersysdrom zu befriedigen, sondern um dem Gegenüber bis zum Notausgang zu helfen, damit er seinen eigenes Denkhirn wieder nutzen kann, um eine eigne Lösung zu finden. Allein die Tatsache, dass ein funktionierender Präfrontaler Kortex zur Verfügung steht, ist schonmal ein Schritt in die richtige Richtung.

Die Haltung lautet:

Ich sehe, dass du dich in Gefahr befindest und dass dein Gehirn im Überlebensmodus ist, ohne funktionierenden Plan. Da du nicht auf dein Denkgehirn zugreifen kannst: Nimm meins! Gib alle relevanten objektiven Daten zur Bedrohung ein und lass es nach einem Ausweg suchen.

In die Pfoten des Gegenübers schlüpfen

Wichtig ist hier Ehrlichkeit und kein geheucheltes, herablassendes Pseudoverständnis, das nur schnellstmöglich dafür sorgen soll, dass endlich wieder Ruhe einkehrt.

Eine aktivierte Amygdala lässt sich nicht so leicht verarschen.

Ein leeres:

„Ich weiß genau, wie du dich fühlst.“

wird von ihr schneller entlarvt, als es ausgesprochen ist. Du musst die Situation also wirklich aus Sicht des Tieres betrachten. Der Postbote ist aus Sicht eines Herdenschutzhundes der Antichrist - kein Spielraum für Interpretation! Der für dich nicht wahrnehmbare Gestank des Klamottenstapels, der sich nach einem anstrengenden Arbeitstag im Flur gebildet hat, bringt deine Katze tatsächlich in einen Ausnahmezustand mit Lebenskrise. Jeder hat das Recht auf seinen eigenen Knall.

Einen weiteren unglücklichen Effekt hat jeder Versuch des „Quick Fix“.

In diesem Szenario bleibt ein engagierter Helfer oft verblüfft zurück, wenn er statt Dank ein wütendes:

„Ich wollte nicht, dass du das für mich löst. Ich wollte, dass du mir zuhörst.“

erntet.

Auch hier hat die aufgebrachte Amygdala ganze Arbeit geleistet:

Sie hat durchschaut, dass der Helfer die eigentliche Gefahr gar nicht erkannt hat und sich im Grunde nur selbst helfen wollte, indem er den nervigen Feuermelder zum Schweigen bringt.

Hier wird allerdings auch der entscheidende Hinweis auf die Lösung geschrien:

Hör mir zu!

Im Fall unserer Tiere wird das eher zu einem: Schau hin!

Genauso wie wir unserer eigenen Amygdala vertrauen, sollten wir es auch stellvertretend für unsere Tiere halten. Wenn unsere Tiere eine Situation Kacke finden, dann ist das erstmal so. Auch diese Amygdala hat ihre Gründe und kein genervtes „Stell dich nicht so an“ dieser Welt bringt uns hier weiter.

Zwei Ohren - zwei Augen - und ein Mund

Wir müssen zuhören, um zu verstehen – nicht um zu antworten.

Unseren Tieren müssen wir häufig mit den Augen zuhören.

Es ist auf fatale Weise kontraproduktiv, einer aktivierten Amygdala zu erklären, sie möge sich bitte abregen, es sei doch gar nichts passiert.

Wer helfen will, muss die Perspektive des Gestressten einnehmen, statt seine Realität infrage zu stellen.

Das gilt wie gesagt auch für unsere Tiere und ist manchmal gar nicht so einfach.

Attention Please

Sehr schnell wird unseren Hunden und Katzen unterstellt, sie würden dies und jenes nur tun, um unsere Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Mehr oder weniger unterschwellig schwingt hier der Vorwurf mit, dass dieses Streben Ausdruck egoistischer Motive mit dem Ziel der Bereicherung sei.

Es will uns Energie stehlen, die ihm nicht zusteht.

Der Beweis für die niederen Motive liegt in der scheinbaren Tatsache, dass objektiv betrachtet kein Grund für das Verhalten des Tieres erkennbar ist.

Das Tier hat also „alles, was das Herz begehrt“ und fordert nun zusätzliche Ressourcen ein.

Diese „Unverschämtheit“ lehnen wir natürlich ab und ignorieren die Forderung.

Aber Verhalten hat immer einen Grund.

Wer schuldet hier wem?

An dieser Stelle ist es hilfreich, die Gesamtsituation aus Sicht des Tieres zu betrachten:

Domestizierte Tiere sind uns Menschen zu 100 % ausgeliefert.Ihr Überleben hängt buchstäblich von unserer täglichen Bereitschaft ab, sie zu versorgen.

Ein für mein Empfinden überaus unangenehmer Gedanke ist es, dass wir den Tieren aus rein egoistischen Gründen (zu unserem Nutzen – welches auch Gesellschaft und Unterhaltung einschließt) die Fähigkeit entzogen haben, für sich selbst zu sorgen.

Ein freies, selbstbestimmtes Leben ist für ein Individuum einer domestizierten Art per Definition nicht mehr möglich. Menschliche Aufmerksamkeit ist für ein Haustier nicht „nice to have“ – sie ist lebensnotwendig.

Ein Tier, das viel Aufwand in den Erhalt unserer Aufmerksamkeit steckt, handelt demnach aus dem subjektiven Empfinden heraus, dass seine Existenz bedroht wird. Ignorieren wir die möglicherweise unglücklich gewählten Handlungsstrategien, bestätigen wir diese Befürchtung. Erschwerend kommt hinzu, dass unsere Schützlinge nicht wissen können, dass wir der festen Absicht sind, Zeit ihres Lebens für sie zu sorgen.

Einzig das subjektiv empfundene Gefühl, möglichst aus eigener Kraft für dauerhafte Sicherheit der eigenen Existenz sorgen zu können, schafft hier Abhilfe.

Alles für Alle

Dieser Perspektivwechsel kann für uns durchaus unangenehm sein.

Es kann sich so anfühlen, als ob wir regelrecht beraubt werden.

Ziel ist es allerdings niemals, dass in der Gemeinschaft aus Mensch und Tier eine Partei verzichten und zurückstecken muss, damit die andere liebe Seele ihre Ruh’ hat.

Das Ziel ist immer, dass alle bekommen, was sie brauchen, und Gemeinschaft grundsätzlich zur Bereicherung für alle führt. Unterm Strich dürfte genau diese Bereicherung der Grund sein, warum jeder einzelne von uns ein Leben mit Haustier gewählt hat.

Schritt 2 ist eine Pause

Und genau hier beginnt der nächste Schritt:

Wenn wir verstehen wollen, was unser Tier uns eigentlich mitteilt, müssen wir lernen, wirklich hinzusehen.

Nicht bewerten.

Nicht interpretieren.

Nicht vorschnell erklären.

Sondern erst einmal erkennen, verstehen.

Hier kommt‘s:

Wir müssen eine PAUSE machen und uns dieser Situation achtsam und ohne jede Interpretation, ohne jedes Urteil nähern.

WAS SIEHST DU?

Im nächsten Artikel aktivieren wir unseren inneren Sherlock Holmes, um das Problem genau unter die Lupe zu nehmen.

Wir lernen, Probleme so genau zu beschreiben, dass aus einem scheinbar chaotischen, willkürlichen Verhalten eine Sammlung von Fakten wird.

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1.2 Stress lass’ nach