1.2 Stress lass’ nach

Gelassenheit funktioniert nicht

Ich habe mir den Hintern wund meditiert und achtsam unzählige widerliche Rosinen bis zum Brechreiz zerkaut. Ich habe mir vorgestellt, der Tiger sei nur ein harmloses Kätzchen, und wie eine kaputte Schallplatte Atemübungen wiederholt, bis ich blau angelaufen bin. Ich habe die Fäuste in der Tasche geballt, bis meine Gelenke um ein Haar dauerhaft weiß geblieben wären. Ich habe wieder und wieder bis 10 gezählt und mich zur Gelassenheit gezwungen … bis ich eben doch wieder explodiert bin.

Im letzten Artikel habe ich dich aufgefordert, Freundschaft mit dem unerwünschten Verhalten deines Tieres zu schließen. Ich habe es sogar wertvoll genannt. So richtig will das wahrscheinlich nicht zu dem passen, was du gerade erlebst.

Natürlich sollst du nicht einfach resigniert die Hände heben und von nun an stillschweigend hinnehmen, was eigentlich unerträglich ist. Ganz im Gegenteil: Da ist etwas, das stört, es gibt ein Problem - das haben wir spätestens im allerersten Artikel dieses Blogs akzeptiert - und das verdient deine Aufmerksamkeit.

Deshalb nehmen wir diesen Unfug jetzt mal ganz genau unter die Lupe. Ich zeige dir, warum du das Warnsystem deines Körpers genauso ernst nehmen solltest wie das deines Tieres, warum erzwungene Gelassenheit überhaupt nichts bringt und was wir stattdessen tun können.

Dieser Artikel ist der Erste von drei Teilen, in denen wir uns mit dem bösen ‚Stress‘ und unsere vermeintlich unvermeidlichen Reaktionen darauf beschäftigen. Das Ziel ist natürlich, dass wir in Zukunft häufiger bewusst handeln und so eine echte Lösung finden, anstatt wir ferngesteuert immer wieder auf die gleiche Weis edu reagieren - obwohl das schon bei den letzten 2.000 Malen offensichtlich nicht zielführend war.

Warum sollte unser Körper lügen?

Ein beliebter Anti-Stress-Ratschlag, der in mir eine ganz besondere Wut-Schublade öffnet, ist eine Variante von:

„Mach dir bewusst, dass du in Sicherheit bist. Es herrscht keine Gefahr. Du wirst nicht von einem Tiger verfolgt, der dir nach dem Leben trachtet.“

Übersetzt soll das so viel heißen wie:

„Reg dich nicht auf. Dafür gibt es gar keinen Grund… und geh’ mir damit vor allem nicht auf die Nerven.“

Auf den ersten Blick stimmt das vielleicht sogar. Ich habe mich umgeguckt – keine Großkatze da.

Also habe ich, wie eingangs beschrieben, immer wieder auf unterschiedlichste Weise versucht, mich zu beruhigen – und bin jedes Mal grandios und lautstark gescheitert.

Warum zum Henker besteht mein Körper so vehement darauf, dass ich in Gefahr bin?

Luft und Liebe

Weil Menschen – und auch Tiere – mehr zum Überleben brauchen als die Abwesenheit von blutrünstigen Raubtieren.

Beispielsweise brauchen wir neben dem physischen Schutz unserer eigenen irdischen Hülle auch den Schutz all jener, die uns nahestehen. Wir brauchen die Anwesenheit und die Verbindung zu eben diesen Nahestehenden – Freundschaft, Liebe.

Wir brauchen zuverlässigen Zugang zu lebenserhaltenden Ressourcen wie Wasser und Nahrung. Wir brauchen ein gewisses Gefühl der Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung auf der einen Seite, ebenso wie die Zugehörigkeit als wertvolles Mitglied einer Gemeinschaft.

Erhält unser Gehirn Hinweise darauf, dass diese Bedingungen nicht erfüllt sind, versetzt es unseren Körper durch Gefühle wie Angst, Sorge, Frustration, Wut … Hunger, Durst usw. in eine Art Alarmzustand.

Diesen Zustand nennen wir auch Stress.

In diesem Modus sorgt ein Hirnbereich namens Amygdala, auch Mandelkern genannt – hübsch, oder? – für erhöhte Handlungsbereitschaft, und wir spüren den Drang, etwas gegen diese suboptimalen Lebensumstände zu unternehmen.

Das ist verdorrich nochmal total gesund und nix, was man wegatmen sollte!

Unser Körper - jeder Körper, auch Tierkörper - versetzt uns nicht grundlos in Handlungsbereitschaft. Hier findet etwas magisches statt! Es nennt sich Motivation. Im Nerd-Modus könnte man sagen: Das ist der Moment in dem ein Körper entscheidet, dass es sich lohnt wertvolle Ressourcen (Energie, Zeit, Geld usw.) zu investieren, um die eigenen Ziele zu erreichen. Die Ziel-Spanne reicht von ‚Nicht-vom-Tiger-gefressen-werden‘ bis ‚das-ultimative-Lebensglück-finden‘.

Das ist eine phantastische Kraft, die jedem von uns nicht nur hilft zu überleben, sondern dafür sorgt, dass wir in der Lage sind einen Weg zu finden, auf dem es uns tatsächlich von innen heraus gut geht. Es ist der Kompass, dem wir folgen können (sollten?), wenn wir unseren eigenen Lebensweg suchen. Wir müssen nur lernen unserem Mandelkern wieder zu vertrauen.

Leider wird oft schon früh daran gearbeitet, dass wir dieses Wunderwerkzeug ignorieren und stattdessen tun, was andere von uns wollen, damit wir ‚reinpassen‘. (In einem späteren Artikel werde ich mich mal zu intrinsischer und extrinsischer Motivation auslassen und verraten, warum ich Lob und Belohnung so hasse.)

Also hör auf deinen Körper, wenn der schreit, dass etwas nicht stimmt – er hat keinen Grund, dich zu belügen. Das wäre Energieverschwendung und das hat die Natur Gehörich was dagegen.

Gleiches gilt für dein Tier: Lässt sein Körper Stress erkennen, dann schau hin und nimm es ernst!

Denn hier - genau hier - liegt der alles entscheidende Hinweis auf der Suche nach einer echten Lösung!

Das Märchen von Gut und Böse

Irgendjemand hat – sicher in allerbester Absicht – die Idee von gutem und schlechtem Stress in die Welt gesetzt.

Davon halte ich nichts.

Der Stress selber ist immer gut. Er zeigt ein bestehendes oder drohendes Problem an und ist somit nicht mehr und nicht weniger als eine potenziell hilfreiche Information.

Um die Feuer-Metapher aus dem letzten Artikel wieder aufzunehmen, ist Stress sozusagen der Feuermelder:

Wiuwiu, hier brennt’s!

Die Feuerwehr wird alarmiert, der Brand wird aufgespürt und gelöscht.

Mission accomplished.

Dick und Doof

Problematisch wird es im Grunde dann, wenn sich der Brand nicht löschen lässt.

Dauerstress.

Wir haben permanent das Gefühl, unter Strom zu stehen, und je länger dieser Zustand anhält, desto reaktiver werden wir. Irgendwann braucht es nur noch den kleinsten Auslöser und wir explodieren.

„Sie müssen Ihren Stress reduzieren“, hören wir dann, bis uns selbst dieser Satz auf die Palme bringt.

Denn wenn das so einfach wäre, hätten wir es wohl längst getan.

Freiwillig ist nämlich niemand in diesem Zustand.

Das Problem ist nur, dass der Stress selber gar nicht das Problem ist – es sind die „suboptimalen Bedingungen“.

Es ist die Scheiße, die täglich unaufhaltsam auf den Ventilator zufliegt.

Die Sorgen, Nöte und Ängste, die uns scheinbar gar nicht mehr loslassen und bis in den Schlaf verfolgen, geistern nur dann permanent durch unseren Körper, wenn wir um’s Verrecken keine Lösungen für unsere Probleme finden – wenn unser Körper eine dauerhafte, ernstzunehmende Bedrohung wahrnimmt.

Vielleicht kommt dir an dieser Stelle ein Gedanke bekannt vor:

„Aber ich will doch einfach nur gelassen sein! Ich will mich nicht mehr so aufregen. Ich will nicht ständig im Alarmmodus sein.“

Das ist absolut nachvollziehbar.

Aber vielleicht liegt genau hier der Denkfehler.

Denn unser Ziel kann nicht sein, das Warnsystem unseres Körpers zum Schweigen zu bringen.

Ein Rauchmelder, der nicht mehr piept, weil man ihm die Batterie entfernt hat, macht ein brennendes Haus schließlich auch nicht sicherer.

Die entscheidende Frage ist nicht:

Wie bekomme ich den Stress weg?

Sondern:

Was versucht mein Stress mir zu sagen?

Wenn wir beginnen, diese Frage ernst zu nehmen, verändern wir die Perspektive.

Wir kämpfen nicht mehr gegen unseren Körper.

Wir vertrauen ihm.

Wir lassen es zu, dass er uns auf ein Problem aufmerksam macht.

Wir arbeiten mit ihm.

Und genau das gilt auch für unsere Tiere.

Denn auch das Verhalten unserer Hunde, Katzen und anderer Haustiere ist kein zufälliger Defekt, den es möglichst schnell zu beseitigen gilt.

Es ist ein Warnsignal - eben ganz genauso wie bei uns auch. Auch dieser vierbeinige Körper versucht uns hier auf ein Problem hinzuweisen. Auf einen tatsächlich existierenden - weil aus seiner Sicht so empfundenen - suboptimalen Zustand, zu dessen Bekämpfung es sich lohnt Ressourcen einzusetzen - um es mal ganz simpel zu formulieren ;-)

Eine Information.

Ein Hinweis darauf, dass irgendwo etwas nicht stimmt.

Und genau dort beginnt die eigentliche Arbeit. Mit einem ganz kleinen 1. Schritt:

Hinsehen statt wegsehen.

Denn der Feuermelder ist ja bekanntlich nicht unser Feind.

Er ist der Grund, warum wir überhaupt wissen, dass es brennt.

Im nächsten Artikel schauen wir uns deshalb genauer an, warum unser Gehirn überhaupt zwischen Überleben und Leben unterscheidet – und warum wir unter Stress oft genau die Dinge nicht tun können, die uns eigentlich aus der Situation heraushelfen würden.

Natürlich machen wir auch den 2. Schritt und finden heraus, wie wir aus dieser vermeintlich unvermeidlichen Stress-Reaktion aussteigen können.

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1.1 Eine kleine Geschichte meiner ungewöhnlichen Freundschaft mit tierisch beklopptem Verhalten