1.1 Eine kleine Geschichte meiner ungewöhnlichen Freundschaft mit tierisch beklopptem Verhalten
Wie wir nutzen was wir haben, um die Tierseele zu heilen!
Du willst wissen, wie ihr entspannt und unperfekt euren ganz eigenen Weg zum tierisch guten Leben finden könnt? Dann mal los!
Hi, ich bin Eva. Ich bin seit 17 Jahren Tierärztin und ich helfe Menschen schon fast genauso lange mit den Verhaltensoriginalitäten ihrer Hunde, Katzen und Pferde in meiner verhaltenstherapeutischen Sprechstunde.
Immer wieder begegnen mir dort Tierbesitzer, die ihre Tiere von Herzen lieben und denen nichts wichtiger ist als deren Wohlergehen, während sie gleichzeitig ratlos vor scheinbar unüberwindbaren Konflikten im täglichen Zusammenleben mit ihren Vierbeinern stehen. Ja, tierisches Verhalten hat durchaus das Potenzial, uns an den Rand des Erträglichen zu führen.
Der Traum vom schönen Schein
Die Vorstellung vom Familienleben mit Hund und Katze klang so bereichernd, aber mit der Realität hat sie gerade so wenig zu tun? Unsere tierischen Mitbewohner können erstaunlich kreativ werden, wenn es darum geht, uns mit ihrem Verhalten den letzten Nerv zu rauben oder uns vor Sorge um sie bis an den Rand des Wahnsinns zu treiben.
Ich könnte Hunderte Beispiele nennen, wie es da draußen in tierischen Familien kriselt. Von Harmonie und unbeschwerter Lebensfreude fehlt oft jede Spur und nicht nur die Vierbeiner leiden mitunter gewaltig. Statt der erhofften tierischen Bereicherung erleben viele Tierhalter einen anstrengenden Alltag, in dem oft nur noch reagiert wird, um größeren Schaden abzuwenden. In extremen Fällen kann das problematische Verhalten eines Tieres den gesamten Familienalltag bestimmen, teils über Jahre. Dabei fühlen sich viele allein, denn wirklich zugeben mag das niemand, und nicht selten werden eigentlich unerträgliche Umstände stillschweigend und unsichtbar hingenommen. Auf Social Media sieht man oft nur das perfekt gefilterte Image vom unbeschwerten Spaziergang und kuscheligen Abenden auf der Couch. Vom täglichen Frust, nichts gegen die Zerstörung der eigenen Möbel und den Gestank nach Katzenpipi im Kinderzimmer unternehmen zu können; dem Dauerstress, mit einem Hund vor die Tür zu müssen, der lautstark jedes Kind anpöbelt; vom Spießrutenlauf mit einem ängstlichen Hund, immer 500 Meter vorauszuschauen und im Zweifel den Umweg durch die Dornenhecke zu nehmen; von der Demütigung, schon wieder vom eigenen Haustier in die Notaufnahme gebissen worden zu sein: keine Rede. Es entsteht schnell der Eindruck, als sei man die Einzige, die es nicht auf die Reihe kriegt, obwohl es doch scheinbar so simpel ist, happy mit Haustier durch die Welt zu schweben.
I call Bullshit
Nur damit wir uns von Anfang an richtig verstehen: Das ist Blödsinn! Zusammenleben – egal in welcher Zwei- oder Vierbeiner-Konstellation – ist niemals ausschließlich reibungslos und unbeschwert. In den allermeisten Fällen ist es kein Selbstläufer. Wer das hier gerade liest und denkt: „Scheiße, bei den anderen sieht es aber so einfach aus! Warum klappt das bei mir nicht?“, dem möchte ich ganz deutlich sagen: Es sieht wirklich nur so aus. Du bist nicht allein! Ganz im Gegenteil: Da draußen quälen sich eine Menge Gleichgesinnte auf erstaunlich ähnliche Weise. Wer hier gelandet ist, gehört aller Wahrscheinlichkeit nach zu denen, die nach einer Lösung suchen. Deshalb bin ich überzeugt, dass du bisher dein Bestes gegeben hast und dass deine Situation rein gar nichts mit persönlichem Versagen oder gar Unzulänglichkeit zu tun hat. Und: Die Lage ist weder ausweglos noch Anlass, sich zu schämen. Es gibt Lösungen und die sind kein Geheimnis und haben nichts mit Zauberei zu tun. Ich habe selbst über viele Jahre Ideen und Strategien aus allen möglichen, teils berühmten Ecken und teils aus Nischen zusammengetragen. Jeder kann lernen, wie man die Sache selbst in die Hand nimmt und den Weg findet, der zum eigenen Leben passt und aus dem Chaos führt. So, noch mal kurz ins Kissen schreien und dann Ärmel hoch und auf geht’s. Wir haben nämlich viel vor.
Es liegt nicht an dir!
Ich starte mal mit der heißen These, dass du dich von einer einzigen tief sitzenden Überzeugung radikal verabschieden musst, um aus der unbezwingbaren Konflikt-Wand eine lösbare Aufgabe zu machen: Dieses unerträgliche Verhalten, von dem wir hier reden, hat nicht das Geringste mit dir zu tun! Dein Hund will dich nicht ärgern und deine Katze will dich auch nicht provozieren. (Heißt nicht, dass sie das nicht tun. Menschen und Tiere ärgern und provozieren den lieben langen Tag, aber das ist nicht das Ziel. Es ist eine Strategie – dazu später mal mehr.)
Achtung – hier folgt Anlass für körperlich empfundene Gegenwehr: Verabschiede dich von dem Wunsch, irgendein Verhalten verändern oder gar abstellen zu wollen! Ich weiß, das hört sich erst mal bescheuert an. Aber bleib noch einen Moment bei mir und gib mir die Chance, das zu erklären, auch wenn gerade alles in dir schreit: „Was für ein Unsinn!“
Back to the Roots
Dieses Verhalten, das deinem Tier und dir gerade das Leben so enorm schwer macht, hat einen Grund. Wenn wir das Verhalten abstellen, ohne die Ursache zu finden, dann werden wir nicht erfahren, warum dein Tier so gehandelt hat. „Mir doch egal, Hauptsache, hier kehrt wieder Frieden ein“, mag man da denken, aber das ist, als ob man sich die Ohren zuhält, damit man den Feueralarm nicht hört, und hofft, dass dadurch der Brand gelöscht wird. Unbestritten eine blöde Idee. Klar ist es einfacher, den Alarm abzustellen, als das Feuer zu bekämpfen, aber das Ergebnis spricht dann eben auch für sich.
Unser Ziel hier ist also keine reine Verhaltensänderung im Sinne eines Trainings. Das ist bei einem echten Verhaltensproblem viel zu oberflächlich. Wir müssen ein paar Ebenen tiefer steigen. Es geht um die Behandlung von emotionalen Leiden. Diese reichen – genau wie ihre organischen Pendants – von leichten Beschwerden, die mit einem Pflaster oder einem Hausmittel gut behandelbar sind, bis zu schwerwiegenden Verletzungen, die in die Hände von Spezialisten gehören. Manchmal reicht Selbsthilfe in Form eines Feuerlöschers und manchmal muss die Feuerwehr mit schwerem Gerät anrücken. Sicher ist: Wer weiß, womit er es zu tun hat, ist klar im Vorteil. Unsere Kinder lernen schon im Kindergarten, wie man die Gefahren eines Brandes einschätzt und wie man den Notruf wählt. Auch wenn es höllisch wehtut, muss man nicht in die Notaufnahme, wenn man sich an einem Blatt Papier geschnitten hat. Erste-Hilfe-Kurse sind wiederum dafür bekannt, Leben zu retten. Wer sich mit pathologischem Tierverhalten beschäftigt, wird nicht über Nacht zum Fachtierarzt für Tierverhaltenstherapie, aber jeder kann sich eine gut bestückte Verhaltens-Hausapotheke aufbauen und außerdem lernen, wie man rechtzeitig erkennt, dass professionelle Hilfe benötigt wird.
Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit und Verletzung
Ein klassisches Beispiel aus der Haustierwelt ist der Hund, der Kinder anknurrt. Das geht gar nicht! – finden die meisten Leute. Ich sag mal ganz provokant: Ich finde das gut! Aus meiner Sicht kommuniziert dieses Tier ganz ehrlich und direkt, was in ihm vorgeht. Dieser Hund wünscht sich mehr Abstand zu kleinen Menschen. Damit kann man arbeiten. Das Knurren ist eine unschätzbar wertvolle Information, wenn einem die körperliche Unversehrtheit von Kindern am Herzen liegt. Schalte ich den Feuermelder – also das Verhalten – ab, dann knurrt der Hund nicht mehr – er sagt nicht mehr: „Komm mir nicht zu nah.“ Das nächste Kind und seine hoffentlich anwesenden Sicherheitsbeauftragten erhalten diese Information nicht mehr. Die Ursache für das Verhalten besteht aber nach wie vor – es brennt weiter, das Feuer breitet sich sogar aus … und irgendwann brennt die Hütte lichterloh – und das nächste Kind wird „ohne Vorwarnung“, „aus dem Nichts“ von dem „bösen“, „unberechenbaren“ Hund gebissen.
Kurze Anmerkung für alle, die an dieser Stelle einwenden: „Ja, aber das Kind ist ja gar nicht gefährlich.“ Stimmt, Kinder sind niiiee gefährlich. (Oh, das Baby hat gerade der Katze in den Schwanz gebissen. Ups.) sarcasm off Aber das Kind ist in dieser Analogie auch nicht das Feuer. Es ist eher ein großer Tieflader, der eine ordentliche Menge gut durchgetrocknetes, brennbares Material anliefert und für sich genommen eigentlich keine Gefahr darstellt. Das Feuer lodert IN diesem Hund. Es hat mit der Außenwelt, die jetzt gerade stattfindet, relativ wenig zu tun. Ob man Kinder super findet oder eine Scheißangst vor ihnen hat, entscheidet sich im Gehirn und ist nicht das Ergebnis einer freien Entscheidung oder willkürlich steuerbar. Angst braucht nicht zwingend eine rationale Grundlage – deshalb bringen rationale Gegenargumente in aller Regel auch wenig bis gar nichts. Wichtig ist, dass alle Beteiligten in dieser Konstellation geschützt werden. Alle! Auch der „böse“ Hund. Und Spoileralert: Die Antwort ist keine Version von: „Da muss der durch – der soll sich nicht so anstellen – der lernt jetzt mal, dass man zu Kindern nett ist.“
Die Antwort ist: Wir nutzen die Informationen, die uns dieses Tier so offen und ehrlich über sein Innenleben zur Verfügung stellt, um eine Strategie zu finden, die für alle sicher ist und zu wahrem Wohlbefinden und echter Zufriedenheit auf allen Seiten führt.
Eine unerwartete Freundschaft
Die Moral von der Geschichte? Jedes Verhalten hat seine Daseinsberechtigung – egal, wie unerwünscht, peinlich oder gesellschaftlich inakzeptabel. Ein unerwünschtes Verhalten, das aus einem tiefer liegenden Problem hervorgeht, verändern oder gar abstellen zu wollen, ohne sich mit der Ursache zu beschäftigen, wird langfristig kein zufriedenstellendes Ergebnis erzielen. Es mag erst mal wie ein Umweg erscheinen, aber das Verhalten anzunehmen, zu akzeptieren, dass es sich um wertvolle Informationen handelt, die uns helfen, den wahren Grund aufzudecken und dann eine echte Lösung zu erarbeiten – das bringt uns nachhaltig zum Ziel.
Oder auch ganz flappsig: Lösch das Feuer, dann geht der Feueralarm von ganz alleine aus.
So simpel das in der Theorie klingt, so komplex und vielschichtig kann die Umsetzung des Feuerlöscher-Vorgangs in der Praxis sein. Ein Eimer Wasser reicht nun mal nicht zur Bekämpfung jeder Brandursache aus. Deshalb folgen noch einige Artikel. ;-)
Alle, die jetzt ein bisschen on fire sind, können im nächsten Artikel lesen, dass wir jetzt keineswegs den Kopf in den Sand stecken und die Augen vor unseren Problemen verschließen. Ganz im Gegenteil: Jetzt gucken wir ganz genau hin!
