1.5 Safety First!
In den letzten drei Artikeln ging es um einen Ausweg aus dem Dauerstress-Teufelskreis, der unser Denk-Hirn lahmlegt. Vielleicht musstest du dich überwinden, das Problem ein Problem zu nennen, es zu akzeptieren und genau hinzusehen. Vielleicht ist es dir auch schwer gefallen, die Situation aus Sicht deines Tieres zu betrachten und wirklich ernst zu nehmen, dass ein Gehirn im Überlebensmodus sich nicht überreden lässt, sich zu beruhigen - egal wie irrational die Situation von außen betrachtet auch sein mag.
Ich hoffe, du konntest dich überwinden und deine Aufmerksamkeit auf das Problem richten. Wahrscheinlich weißt du jetzt, ob du es mit einem Tiger oder mit einem Feuer zu tun hast. Das ist wichtig für den nächsten Schritt: erstmal alle in Sicherheit bringen. Für Tiger und Feuer sind nämlich ganz unterschiedliche Maßnahmen zur Sicherung sinnvoll ;-)
Vielleicht denkst du aber auch: Na toll! Als ich angefangen habe stand ich vor einer hübschen kleinen Herausforderung. Dann hatte ich plötzlich ein echtes Problem und seit ich richtig hingucke ist daraus ein ganzer häufen Probleme geworden. Das geht hier doch total in die falsche Richtung! Ich wollte weniger von dem lästigen Zeug, nicht mehr!
Stimmt. Du hast mich überzeugt ;-)
Dann ran an die Schippe und Haufen wegschaufeln:
Nachbarschaftswache
Eine klitzekleine weitere Hürde steht uns noch im Weg, bevor wir anfangen ein Problem nach dem anderen zu eliminieren. Wir haben bisher zugegebenermaßen viel über uns selbst nachgedacht. Wir haben die Sache aber auch aus Sicht unseres Tieres beleuchtet… und was ist mit Oppa Paschulke von nebenan?
Egal wie erfolgreich wir auch sind, dieses unsägliche Tun unseres Vierbeiners zu akzeptieren und angesichts des Chaos die Ruhe zu bewahren … da sind ja immer noch ‚die Anderen‘.
Es ist mitunter einfach peinlich. Manchmal hat es auch ernsthafte Konsequenzen, dass dein Tier den gesellschaftlichen Verhaltenskodex so überaus kreativ interpretiert. Vielleicht richtet dein Hund oder deine Katze tatsächlichen, echten, nicht wegzudiskutierenden Schaden an, den man nicht einfach ignorieren kann. Oft stehen Menschen verzweifelt neben einem geliebten Haustier und sehen wie diesem das Leid förmlich ins Fell gezeichnet ist.
All’ das ist schon schwer zu ertragen. Die missbilligenden Blicke der Nachbarn, überhebliche Kommentare und ungefragte Ratschläge machen es nicht besser. Deshalb sorgen wir jetzt demonstrativ für Sicherheit, um all den Schlaumeiern den Wind aus den Segeln zu nehmen… naja und um tatsächlich für Sicherheit zu sorgen.
Die Problemliste
Wir werden jetzt ein bisschen radikal und nehmen uns den ganzen Haufen vor. Einverstanden?
Zuerst brauchen wir eine Liste. Eine Problemliste. Schreib’ zu folgenden Punkten auf, was dir zu jedem einzelnen Problem einfällt.
1. Was ist das Problem?
Du erinnerst dich: superrational - Was kannst du sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen?
2. Warum ist das ein Problem?
Entsteht ein Schaden? Befürchtest du einen Schaden?
3. Für wen ist das ein Problem?
Für dich? Für dein Tier? Für andere?
… bis später …
Safety First!
Liste fertig? Super!
Jetzt hast du dich intensiv mit dem ganzen Unsinn auseinandergesetzt. Solltest du gerade an einem Punkt stehen, an dem du dir ersthaft Sorgen um die körperliche Sicherheit deines Tieres, die Dritter oder deiner eigenen machst, ist der folgende Schritt besonders wichtig! Jetzt ist radikale Ehrlichkeit angesagt. Keine Ausreden! Keine Schönrederei! Stell’ dich vor den Spiegel und sage laut die Worte: „Ich bin zu 100% sicher, dass von meinem Tier niemals, unter keinen wie auch immer gearteten Umständen auch nur die kleinste Gefahr ausgeht. Ich übernehme die volle Verantwortung für alles was passiert.“ Wer das im Brustton der Überzeugung herausposaunen kann, ohne den kleinsten Anflug von Zweifel zu verspüren, tja, der verpasst leider die folgende lustige Übung:
Schummeln bis der Tierarzt kommt
Mein allerliebstes Lieblingsbeispiel ist an dieser Stelle der Maulkorb. Nein, nein, kannst den Puls wieder senken - hier geht’s nicht um schnöde Bissprävention … obwohl die natürlich auch echt dufte ist. Ich rede aber von etwas ganz anderem: Stell dir vor du hast einen kleinen ultra-süßen Hund … der Kinder richtig kacke findet und dem so richtig der Hut hochgeht, wenn er im Gesicht angefasst wird. Also so richtig. Du besorgst jetzt einen Maulkorb. Aber nicht so’n langweiliges Standard-Ding. Nein! Das gute Stück ist verziert mit gefletschten Zähnen und reichlich Kunstblut. Und jedes Mal wenn du deinem fleischgewordenen Stofftier diese Horrorfilm-Requisite aufsetzt gibbelst du albern in dich hinein, wie Miss Marple, die ihren Nachmittags-Tee gerade mit einem Schuss Bourbon aufpimpt. Diesem kleinen Fellbündel packt so schnell keiner mehr ins Gesicht, hihi.
Das Prinzip ist klar?
Eins nach dem anderen
Nimm jetzt die Liste, die du eben erstellt hast und untersuche Punkt 2 auf Hinweise zu potentiellen körperlichen und materiellen Schäden.
Verletzungen durch Beißen, Treten, Kratzen …; Aufnahme von gefährlichen Fremdkörpern und giftigen Dingen; umgestürzte Gegenstände, Zerstörung durch Pipi und andere Körperprodukte, durchwühlte Gemüsegärten, umgestürzte Radfahrer oder zu nah an Bäumen geparkte Autos … Geh’ hier mit der Sherlock Lupe dran und finde diese kleinen und großen Krisenherde, von denen du doll wünschtest jemand anderes wäre dafür verantwortlich.
Spass muss sein
Jetzt schreibst du völlig ungefiltert auf, wie man diese kleinen Bomben entschärfen könnte. Je absurder desto besser. Sei albern, sei kindisch, sei völlig unrealistisch.
Was müsste passieren, damit sich das Problem in Wohlgefallen auflöst?
Ziel dieses Ulks ist es, das Denkhirn ein bisschen in Fahrt zu bringen. Die meisten von uns kennen das: „Hab jetzt sofort eine total gute Idee, um Problem XY ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen!“, klappt eigentlich nie.
Wenn man aber diesen kleinen Umweg nimmt, dann verschwindet der Druck. Das Hirn kann losdenken und wenn es einmal angefangen hat Ideen zu produzieren, dann ist es oft kaum mehr aufzuhalten. Als nettes Nebenprodukt entstehen dann solche kleinen Alltagsfreuden, wie die mit dem blutigen Maulkorb auf dem genervten Flokati.
Natürlich gelten als Sicherungsmaßnahmen auch ganz normale langweilige Maulkörbe, Leinen in sämtlichen Längen, geschlossene Türen - einfach alles was objektiv betrachtet dazu führt, dass fortan kein Schaden mehr für das Tier selbst, für dich und für Dritte entsteht. Trotzdem finde ich wie gesagt, dass du dir hier auch den einen oder anderen Spaß erlauben kannst - macht die Sache doch irgendwie ein bisschen leichter.
Es ist nur eine Phase
Wichtig ist noch, dass es hier nicht um endgültige Lösungen geht. Fällt dir eine ein, super, aber das ist nicht der Sinn dieser Übung. Es geht hier um Krücken, Lauflernwagen und Panzertape. Das Ziel besteht darin, dass kein tatsächlicher Schaden mehr entsteht. Denn kein Mensch kann sich wirklich entspannen und gelassen bleiben, wenn das geliebte Katzentier dem neuen Partner auf dem Klo auflauert und ein unbeschreibliches Talent besitzt den perfekten Moment für einen Angriff zu wählen (Nicht lachen! Wahre Geschichte!). Um den Kopf frei zu haben, um eine endgültige Lösung zu finden, mit der tatsächlich ALLE happy sind, müssen wir zuerst mal sicher stellen, dass der Partner körperlich unversehrt bleibt.
Warum machen wir das also?
Weil du - wie im letzten Artikel ausführlich besprochen - so entspannt wie möglich sein solltest, wenn wir uns ab jetzt um das eigentliche Problem kümmern. Diese Sicherungsmaßnahmen sind also nichts für die Ewigkeit - deshalb dürfen sie ruhig mit etwas Aufwand für uns verbunden sein oder vielleicht nicht ganz unserer Idealvorstellung entsprechen. Darum kümmern wir uns später. Genauer gesagt fangen wir im nächsten Artikel an genau diese Idealvorstellung in die Realität zu holen.
