1.7 Ehrlicher wird’s nicht - Tierische Körpersprache und Ausdrucksverhalten
Wie versprochen, finden wir heute heraus, ob die Bedürfnisse unseres Tieres erfüllt sind oder nicht:
Ausnahmslos jedes Verhalten dient dazu ein Bedürfnis zu erfüllen - mal erfolgreich … mal nicht.
Wir haben uns also das etwas schwammige und gleichzeitig überaus ambitionierte Ziel gesetzt, dass es sowohl unserem Tier als auch uns gut gehen soll.
Weiterhin haben wir festgestellt, dass unsere eigene Vorstellung von einem unproblematischen Leben deutlich von der unserer Vierbeiner abweichen kann. Es wurde kompliziert. Wo fangen wir an?
Ich schlage vor, dass wir bei unseren Tieren anfangen. Am Ende des Tages bin ich eben doch nur eine Tierärztin ;-)
Ganz ohne Spaß: Wir sind ja hier, weil das Verhalten unseres Tieres für Probleme sorgt, da macht es also Sinn, dass wir auch bei unseren Tieren mit der Lösung beginnen. Abgesehen davon vertrete ich die abgefahrene Meinung, dass wir die Verantwortung für die kleinen Mitgeschöpfe in unserer Familie tragen - auch für die mit Pfoten.
Die reine Wahrheit
Darüber hinaus haben unsere Tiere auch noch eine ganz wunderbare und überaus hilfreiche Eigenschaft: radikale Ehrlichkeit
Sie tragen ihr Innerstes freigiebig und für jedermann sichtbar nach Außen - vorausgesetzt niemand hat ihnen ausgetrieben das zu tun. Wer wissen will, wie es seinem Tier geht, der muss im Grunde nichts weiter tun … als hinzusehen. Klingt machbar, oder?
Endlich schließt sich hier auch mal ein Kreis. Der wichtigste Grund, warum ich so vehement darauf bestehe, dass ein unerwünschtes, störendes oder besorgniserregendes tierisches Verhalten nicht einfach durch Menschenhand abgeschafft werden darf, liegt genau hier. Das hier ist das Gold. Die Information von unschätzbarem Wert. Dieses Verhalten, genau dieses Verhalten, ist der Weg, der einzige Weg, mit dem uns unser Tier mittels seiner Körpersprache informiert, wie es ihm geht und was es braucht.
Bam!
Es nennt sich Ausdrucksverhalten. Wenn ich es verändere, dann nehme ich mir selbst die einzige Möglichkeit herauszufinden, wie ich dafür sorgen kann, dass es meinem Tier gut geht.
Das macht - wenn wir die Erkenntnisse aus den vorherigen Artikeln in Betracht ziehen - überhaupt kein kleines bisschen Sinn.
Wir erinnern uns an das Bild des Feuermelders aus Artikel 1.1 Verhalten ist Information. Das Verhalten ist wie der Feuermelder. Der Feuermelder ist nicht das Problem (abgesehen von diesem nervigen Piepsen, wenn die Batterie leer ist) - das Feuer ist es. Bevor wir den lärmenden Feuermelder (aka das problematische Verhalten) also abschalten, sollten wir uns um das echte Problem kümmern: Das Feuer.
Jetzt brauchen wir diese Information. Genau dieses Verhalten, das uns so sehr stört, zeigt uns jetzt den Weg zur Lösung. Schlägt also gerade ein Feuermelder bei unserem Tier Alarm?
Jetzt machen wir es uns wirklich mal verboten einfach:
Um herauszufinden, ob die Bedürfnisse unseres Tieres (in diesem Moment) erfüllt sind, machen wir etwas ganz verrücktes und schauen uns den Körper unseres Tieres an, während der Unsinn so richtig schön in vollem Gange ist. Dabei fragen wir uns eine beinahe albern einfache Frage:
Geht es dir gut oder geht es dir schlecht?
Ausdrucksverhalten ist ein wahnsinnig spannendes und beinahe unerschöpfliches Thema. Es füllt ganze Bücher. Für einen ordentlichen Deep-Dive in die Materie empfehle ich zum Beispiel die Werke der großartigen Ethologin Dorit Feddersen-Petersen.
Als Tierärztin habe ich gute Teile meines Studiums und meiner Fort- und Weiterbildungszeit sowohl direkt als auch indirekt mit dem Erlernen der Körpersprache von Tieren verbracht. Oft werde ich gefragt, ob es nicht furchtbar schwer sei, herauszufinden was einem Tier fehlt, da sie ja nicht sprechen können. Überhaupt nicht! Ganz im Gegenteil. Der Körper eines Tieres verrät mir alles was ich wissen muss. Und nicht nur mir. Jeder einzelne Tierhalter, der durch die Tür meines Behandlungszimmers kommt, hat diesen Termin aus einem Grund gemacht. Mal abgesehen von Impfterminen, Sachkundenachweisen und Co. kommen diese Menschen in der Regel zu mir weil sie - tadaa - gesehen haben, dass es ihrem Tier nicht gut geht. Es ist also kein abgefahrenes Konzept, zu erwarten, dass Menschen die Befindlichkeit ihrer befellten Familienmitglieder beurteilen können. Ein weiteres Mal ist das genaue Gegenteil der Fall: Du bist der absolute und unangefochtene Experte, wenn es darum geht herauszufinden, wie es deinem Tier geht! Also guck’ hin!
Ist das das Ende dieses Liedes? Nein, natürlich nicht. Aber es ist der einzig sinnvolle und - egal wie simpel er sich anhören mag - unvergleichlich wertvolle erste Schritt.
Nicht auslassen! Echt, hey! Machen! Hingucken!
…
Hast du hingeguckt? Hast du ganz genau hingeguckt?
Zwei mögliche Ergebnisse - oder doch drei?
Fangen wir logischerweise mal mit der dritten Möglichkeit an, die da lautet: Ich habe keine Ahnung, wie es meinem Tier geht.
Wenn du an diesem Punkt stehst: Sei sicher, da stehst du in bester Gesellschaft. Diese unangenehme Kombination aus Scham (Ich sollte der Experte für mein Tier sein und weiß nichtmal ob es leidet oder feiert.) und lähmender Unsicherheit (Was wenn ich mich irre?) ist ein überaus weit verbreiteter Tierhalter-Zustand den ich aus der Praxis in sämtlichen Variationen kenne.
Es gibt eine Menge ignorante Tierhalter da draußen (Hat sie das gerade wirklich geschrieben? Jawohl!) … denen es absolut Hupe ist, wie es ihrem Tier geht, so lange es tut, was man von ihm erwartet. Selbstverständlich habe ich keine Ahnung wer du bist und welche Motive du so im Leben mit deinem Tier verfolgst … aber …
wenn du derartig viel Energie in das Lesen des Blogs einer Tierärztin steckst - die mal so garnicht mit dem Talent sich kurz zu fassen gesegnet wurde - und du dich bereits durch den 10. Artikel über Tierverhalten quälst, dann weiß ich definitiv eine Sache über dich: Wie es deinem Tier geht, ist dir alles andere als scheißegal.
Und aus genau diesem Grund gehörst du mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu einer liebenswerten Gruppe von Tierhaltern, die im Zweifel eher dazu neigen ein Unwohlsein bei ihrem Liebling zu vermuten, auch wenn dafür die objektiven Beweise fehlen.
Ganz ehrlich, in einem Punkt sind wir alle gleich: bei den Eigenen schmiert uns schonmal die Objektivität ab. Wenn dann noch einer kommt und unqualifizierte Kommentare á la ‚ist der immer so gestresst?‘ oder ‚die Schwippschwägerin meiner Cousine dritten Grades hat gesagt, dass das auf ein schweres Trauma hindeutet!‘ ist es endgültig dahin mit unserer Selbstsicherheit.
Wichtig ist es an dieser Stelle einmal ganz bewusst die Objektivitätsbrille aufzusetzen: Was passiert hier wirklich? Was kann ich sehen?
Diese Arbeit hast du aber bereits erledigt. In Artikel 1.4 Die Lösung ist schon da - in uns! hast du genau das getan: du hast dir ganz objektiv angeschaut was passiert. Nichts anderes ist hier zu tun. Blende alle Erklärungen, Deutungen und Beurteilungen aus - sowohl deine eigenen, als auch die von dem Schlaumi-Schlumpf der dir auf deiner Wald-Runde täglich seinen Senf ungefragt dazu gibt. Trenn’ die Fakten (Was kann ich sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen?) von der Interpretation und vertraue deinen eigenen Sinnen.
Wenn du weiterhin unsicher bist, dann ist es Zeit eine vertrauenswürdige Person zu Rate zu ziehen.
Sage und schreibe 60% aller Verhaltensprobleme haben eine sogenannte organische Ursache. Wenn das problematische Verhalten deines Tieres zum Beispiel auf Schmerzen beruht, dann kannst du sämtliche Fachliteratur zum Verhalten von Tieren auswendig lernen, bis du schwarz wirst - eine Lösung wirst du frühestens finden, wenn die Grundursache behandelt ist. Will sagen: Ein Gang zum Tierarzt kann sich durchaus lohnen.
Und hier noch ein kleiner Teaser, die sich eine praktische Anleitung zum Blog wünschen: Euer Wunsch wird bald in Erfüllung gehen ;-)
Happy as Hell in Somebody’s Hell
Möglichkeit eins ist irgendwie gut und schlecht zugleich. Wenn du feststellst, dass es deinem Hund ganz wunderbar geht, während er der Nachbarkatze nach dem Leben trachtet, dann ist das im ersten Moment vielleicht eine erleichternde Information über deinen geliebten Fellklumpen, aber andererseits bist du der Lösung des Problems damit natürlich auch nicht wirklich näher gekommen.
Guck dir im Zweifel den Artikel 1.5 Safety First! nochmal ganz genau an und übe dich ansonsten ein bisschen in Geduld, denn hier geht es jetzt erstmal um diejenigen Vierbeiner, die weniger Glück in der Happiness-Lotterie hatten.
Später kommen wir natürlich darauf zurück, wie wir von hier aus weiterkommen, denn wir haben nun oft genug klar gestellt, dass hier ein Problem im Raum steht. Nur, weil es deinem Tier dabei gut geht, heißt das noch lange nicht, dass wir die Sache nun stillschweigend zu den Akten legen und uns mit der Situation abfinden.
In der Patsche
Das zweite mögliche Ergebnis finden wir am anderen Ende der Fahnenstange. Du stellst fest: Meinem Tier geht es schlecht.
Dem Körper deines Hundes oder deiner Katze sieht mal buchstäblich an, dass hier mal so gar nichts n Ordnung ist.
Im Grunde bedeutet das nichts anderes als: Die Bedürfnisse meines Tieres sind nicht erfüllt. Meinem Tier fehlt etwas und dieser Mangel führt dazu, dass es sich nicht wohl fühlt.
Wenn Wohlbefinden des Tieres unser Ziel ist, dann müssen wir dafür sorgen, dass dieses Bedürfnis erfüllt werden kann.
Und dann?
Bevor du jetzt aber in wilden Aktionismus verfällst, weil es deinem Tier nicht gut geht, bitte ich dich noch ein mal kurz innezuhalten. Denn hier liegt noch ein kleiner Stolperstein im Weg rum.
Wir erinnern uns an die Sache mit dem Stress aus dem Artikel 1.2 Stress lass’ nach. In dem Moment, in dem dein Tier auf seine Weise regelt, was es für richtig hält, kann seine Körpersprache durchaus deutlich akuten Unmut kommunizieren. Beeindruckende emotionale Intensität ist aber noch lange kein Beweis dafür, dass es deinem Tier schlecht geht.
Ein Hütehund von der Größe eines kleinen Ponys, der seine Aufgabe das Grundstück zu verteidigen sehr ernst nimmt, kann seine innere Haltung zu Postboten und vorbeifahrenden Radfahrern auf durchaus imposante Weise zum Ausdruck bringen und in diesem Moment möglicherweise wenig glücklich aussehen. Anschließend läuft er aber wohlmöglich wie King Louis, der gerade das Geheimnis des Feuermachens entdeckt, hat durch den Garten, bevor er sich in entspannt in die Sonne legt.
Ein anderer Hund, oder wohlmöglich sogar ein und derselbe Hund in einer anderen Lebensphase, in einem anderen Gesundheitszustand, oder in einem anderen Garten, kann auf eine ganz ähnliche Art auf den Postboten und Passanten reagieren, aber den Rest des Tages hektisch über das Grundstück patrouillieren und nervös den nächsten potentiellen ‚Eindringling’ erwarten. Er kommt vielleicht gar nicht mehr zur Ruhe und ist auch dann ein Nervenbündel, wenn kein einziger Fremdling in Sicht ist.
Während der erste Hund ein zufriedenes Leben im wohligen Gefühl der Selbstwirksamkeit führt, fristet der zweite sein Dasein im Dauerstress.
Die Frage lautet also nicht (nur): Wie geht es dir jetzt?
Sondern: Wie geht es dir?
Entscheidend ist hier im Grunde, ob das Verhalten (aus Sicht des Tieres) erfolgreich ist… oder eben nicht.
Echt blöd
Es ist mal wieder irritierend simpel: Wenn es unserem Tier (tatsächlich) schlecht geht, dann fehlt etwas.
Auf dem Weg zu einer Lösung für das problematische Verhalten, ist dieses Ergebnis nicht das Schlechteste. Immerhin wissen wir jetzt wo wir Weitergraben müssen.
Wie wir herausfinden was unser Tier nun braucht, besprechen wir beim nächsten Mal.
