1.8 Tierische Bedürfnisse
Jetzt haben wir zwei Dinge:
1. Ein Verhalten, das Probleme mit sich bringt
2. Ein Ziel: Wohlbefinden für alle
Wie kommen wir jetzt bloß von da nach dort?
Wie gesagt, wir erfüllen ‚einfach‘ die vier Bedürfnisse und zack sind wir da.
Ja, OK, ich gebe zu, dass die Durchführung etwas aufwändiger wird, als ein Fingerschnips.
Nehmen wir uns also jedes einzelne abstrakte Bedürfnis einmal vor und tun ein bisschen Butter bei die Fische.
Wir erinnern uns:
Die 4 Bedürfnisse:
Körperliche Bedürfnisse
Sicherheit
Freiheit
Verbindung
Körperliche Bedürfnisse
Darunter fällt alles, was diese gute alte Maschine am Laufen hält.
Wenn man diesen Punkt zwanghaft abstrahieren wollte, um die Erfüllung der im letzten Artikel genannten Kriterien eines Bedürfnisses zu abzuhaken, dann könnte man sagen, dass unter diesen Punkt die Verfügbarkeit sämtlicher Ressourcen fällt, die ein Körper benötigt, um optimal zu funktionieren und zu überleben.
Die konkret benötigten Ressourcen um dieses abstrakte Bedürfnis zu befriedigen, machen diesen ersten Teil der körperlichen Bedürfnisse allerdings zu einer Art Sonderfall, da sie für so ziemlich alle Menschen und Tiere (jetzt nicht korinthenkackerig werden, ja? ;-) nötig sind. Die konkreten Ressourcen - die man anfassen, essen, trinken usw. kann - werden oft mit dem Bedürfnis synonym verwendet. Aber genau an diesem Punkt lohnt sich die Unterscheidung. Ich weiß, es klingt kleinkariert und nervt auch irgendwie, aber genau hier, genau in dieser Spitzfindigkeit, liegt der Schlüssel zum Verständnis von Bedürfnissen und die Antwort auf die Frage, wie die Bedürfnisse aller Beteiligten vollständig und gleichzeitig erfüllt werden können.
Ohne die Ressourcen
Sauerstoff/Atemluft
Wasser
Nährstoffe/Nahrung in individuell geeigneter Qualität und Quantität
Schlaf bzw. Erholung
können wir nicht optimal ‚funktionieren‘. Über Kurz oder Lang sind wir erschöpft. Wir werden krank und wir sterben.
Hinzu kommt
die Abwesenheit von Krankheit und Verletzung.
Zwei suboptimale Zustände, die wir ebenfalls als Bedrohung unserer physischen Existenz wahrnehmen und die uns mindestens in unserer Funktionalität einschränken, da sie unsere Ressourcen reduzieren oder im schlimmsten Fall eben auch zum Ende unserer irdischen Existenz führen.
Niemand würde wohl ernsthaft in Frage stellen, das Mensch und Tier auf die Verfügbarkeit von Wasser und Atemluft angewiesen ist, oder? Wir verspüren eine Art Anrecht auch die Verfügbarkeit dieser überlebenswichtigen Ressourcen und die Erfüllung dieses absoluten Minimums an Grundbedürfnissen.
Eben dieser Konsens bei den Körperlichen Bedürfnissen und die hier vorliegenden unklaren Grenzen zwischen den konkreten Ressourcen und dem eigentlichen abstrakten Bedürfnis, führen zu großen Schwierigkeiten, die folgenden drei Bedürfnisse zu erklären.
Mit anderen Worten: Jetzt wird’s spannend.
Sicherheit
Unsicherheit entsteht wenn wir unsere körperliche Unversehrtheit bedroht sehen, oder die anderer Mitglieder unserer Gemeinschaft, mit denen wir uns verbunden fühlen.
Wir empfinden aber auch einen Mangel an Sicherheit, wenn wir uns zum Beispiel in neue und unbekannte Situationen und Umgebungen begeben. Kontrollverlust, Unvorhersehbarkeit, sowie das Fehlen von Informationen und Fähigkeiten in jeglicher Form machen uns schwach und angreifbar. Sie erfordert eine gewisse erhöhte Wachsamkeit, manchmal sogar Alarmbereitschaft - alles ein Ausdruck unseres Strebens nach gefühlter Sicherheit.
Wichtig ist, dass eine Bedrohung nicht nur auf der körperlichen Ebene stattfinden kann. Neben der Anwesenheit von physischen Bedrohungen, wie Tigern und Wohnungsbränden, gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten auf psychischer Ebene verletzt zu werden. Ich bin - möglicherweise beruflich bedingt - der Meinung, das wir dieser letzteren Art der Sicherheitsbedrohung deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken sollten. Wer (z.B. als Tierbesitzer) in verantwortlicher Position ist und versteht, dass das Bedürfnis nach subjektiv empfundener Sicherheit nicht nur auf körperliche, sondern ebenso auf mentaler Ebene befriedigt werden muss, um für Wohlbefinden zu sorgen, der hält in vielen Fällen den Generalschlüssel für die Lösung von tierischen Problemverhalten in der Hand.
Freiheit
Um das Bedürfnis von Freiheit zu erfüllen, braucht es mehr als die Abwesenheit von Ketten und vergitterten Fenstern. Gerade für unsere Haustiere hat das Bedürfnis nach Freiheit einen besonderen Aspekt: Objektiv betrachtet, ist nämlich keins von ihnen frei. Die Bezeichnung ‚Haustier‘ impliziert ja gerade das Leben in Gefangenschaft. Für die meisten Tierhalter führt das klare Ansprechen dieser Wahrheit zur Reduktion ihres eigenen Wohlbefindens - Warum? Weil Freiheit uns nunmal allen ein Bedürfnis ist. Die Vorstellung, dass wir einem geliebten Haustier eben diese fundamentale Grundlage für ein Leben in Wohlbefinden verwehren ist schwer zu ertragen. Wer will schon dafür verantwortlich sein, dass ein geliebtes Wesen leidet?
Die gute Nachricht ist, dass unsere Haustieren durchaus das Potential haben, mit uns in Gemeinschaft zu leben und sich dabei pudelwohl zu fühlen. Domestikation macht’s möglich.
Freiheit erleben wir - und unsere Haustiere auch - wenn wir so sein können wie wir eben gemacht sind. Wenn wir uns nicht verstellen müssen. Wenn wir unsere Talente ausleben können und unseren Charakter nicht verbergen müssen. Wenn wir uns mit Menschen, Tieren und ‚Dingen‘ umgeben können, die wir mögen. Wenn unsere Handlungen unserer intrinsischen Motivation entspringen und nicht durch externe Kräfte, mittels Belohnung und Strafe, herbeigeführt oder manipuliert werden. Wenn wir unsere tatsächlichen Ziele verfolgen, unser Dasein nach unseren eigenen Vorstellungen gestalten und unseren Werten entsprechen leben können.
Ermöglichen wir unseren Hunden und Katzen ein Leben, in dem sie sowohl ihre individuellen Neigungen und Leidenschaften ausleben können, während wir eine Umgebung zur Verfügung stellen, die ihrer Art, Rasse, Herkunft - und all’ den vielen anderen Punkten auf ihrer Checkliste - gerecht werden, erweitern wir unseren Schlüsselbund der Lösungen um ein weiteres wertvolles Stück.
Verbundenheit
Das Bedürfnis, das dem nach Freiheit auf den ersten Blick diametral entgegen zu stehen scheint, hat genauso wenig mit Fesseln und der Bindung an einen Ort oder eine andere Person gegen den eigenen Willen zu tun, wie das zuletzt besprochene.
Auch dieser innere Zustand, den man auch mit der Abwesenheit von Einsamkeit beschreiben könnte, erfüllt das Kriterium der Handlungsunabhängigkeit. Er ist also nicht an die permanente Anwesenheit von menschlichen oder tierischen Wesen gebunden, wenngleich er natürlich untrennbar mir anderen Lebewesen verknüpft ist.
Wir können unter gewissen Voraussetzungen problemlos für eine Weile alleine sein, ohne uns einsam zu fühlen. Manche von uns genießen diese Art von me-time regelrecht.
Verbundenheit spüren wir, wenn wir uns in sämtlichen Lebenslagen gesehen, verstanden und uneingeschränkt akzeptiert fühlen. Spaß an einer gemeinsamen Aktivität und echte Anteilnahme an wichtigen Lebensereignissen zu erleben ist dabei ebenso wichtig, wie die Gewissheit auch in den weniger erstrebenswerten Momenten begleitet zu sein und auch dann nicht abgelehnt zu werden, wenn starke Emotionen nach außen dringen und unser verletztes Inneres zum Vorschein bringen. Diese wohlwollende Zugewandtheit empfinden wir als bereichernd, wenn wir sie als bedingungslos erleben und sie die Erfüllung unserer individuellen Bedürfnisse nicht einschränkt.
Viele von uns empfinden unsere Haustiere heute als Bereicherung, nicht weil sie unser Haus schützen, uns vor Schädlingen bewahren oder weil sie uns als lebendiges Sportgerät dienen. Ich persönlich schätze an meinen Haustieren besonders die unerschütterliche Verbindung. Die Loyalität meiner Hunde und Katzen schien mir immer grenzenlos. Niemals hatte ich das Gefühl mich verstellen zu müssen, etwas bestimmtes tun oder irgendeine Gegenleistung erbringen zu müssen, um ihre bedingungslose Liebe zu erhalten.
Oft wünsche ich mir die Fähigkeit, ihnen dieses Geschenk auf gleiche Weise zurückgeben zu können. Aber ich bin eben nur ein Mensch.
Brauche ich das - oder kann das weg?
Wenn unser Anspruch das Wohlbefinden aller ist, dann müssen wir nun also - trotz unserer allzu menschlichen Fehlbarkeit - so gut es geht für die Erfüllung aller oben genannter Bedürfnisse sorgen.
Beim nächsten Mal finden wir heraus, ob die Bedürfnisse unserer Tiere erfüllt sind oder nicht.
