1.7 Pommes und Disco - Wo wollen wir hin?

Jetzt hast du hoffentlich ;-) eine überschaubare kleine Liste von Verhaltensweisen, die du mit Überzeugung als problematisch bezeichnen würdest. Klasse.

Denn dann wissen wir ja wo wir starten… oder?

Meins oder Deins oder doch Meins?

Und jetzt?

Womit fängst du an?

Wo willst du überhaupt hin?

Du hast da so ne wage Vorstellung oder einfach überhaupt keine Ahnung? Dann ist es doch mal wieder Zeit für eine meiner heißen Thesen:

Ich wage zu vermuten, dass mindestens ein Teil der Punkte auf deiner Liste nur indirekt ein Problem für dich persönlich darstellt. Diese Kategorie beschreibt was in erster Linie für dein Tier inakzeptabel ist. Weil du deine Katze oder deinen Hund aber liebst, ist es auf deiner Wichtig-Liste gelandet - und das ist gut so!

Zugegebenermaßen lässt das die Sache aber erst so richtig kompliziert erscheinen, denn es drängt sich natürlich die Frage auf:

Kümmern wir uns jetzt darum was dir wichtig ist oder um das was deinem Tier wichtig ist?

Anders formuliert:

Wie lautet das Ziel?

Achtung!

Festhalten!

Beide!

Bedürfnisorientierte Tierhaltung - kurz BoTh - hat zum Ziel sämtliche Bedürfnisse aller Beteiligten - also Mensch UND Tier - zu erfüllen.

Ach du Scheiße!

Das ist ja völlig unmöglich. Ein utopisches Ziel. Absolut unrealistisch …

Stop! Ganz ruhig. Nicht hyperventilieren. Puls wieder senken.

Wir müssen dringend über Bedürfnisse sprechen.

Was ist ein Bedürfnis - und was nicht?

Auf jeden Fall sind sie der Stoff, aus dem das ultimative Missverständnis dieser Unterhaltung gemacht ist.

Bedürfnisse sind keinesfalls alles was wir gerne hätten, uns ziemlich doll wünschen oder unbedingt sofort haben müssen, weil wir sonst platzen. Wenn ich behaupte, dass man sämtliche Bedürfnisse erfüllen muss, dann hat das nichts mit Geschenken oder materiellem Konsum zu tun - so gar nichts.

Es gibt eine Menge Definitionen von ‚Bedürfnis‘. Für unsere Zwecke brauchen wir diejenige, die auch in der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) verwendet wird.

In diesen Sinne beschreibt ein Bedürfnis einen subjektiv empfundenen abstrakten Zustand, der für jedes Individuum einer bestimmten Art zwingend erfüllt sein muss, um Wohlbefinden zu erleben.

Ein Bedürfnis erfüllt die folgenden Kriterien:

  • Universell: Jeder Mensch hat exakt die selben Bedürfnisse, wie alle anderen Menschen auf der Welt; Jeder Hund/jede Katze hat exakt die selben Bedürfnisse, wie alle anderen Hunde/Katzen auf der Welt.

  • Abstrakt: Ein Bedürfnis ist immer abstrakt (kann also nicht angefasst, gesehen oder gekauft etc. werden)

  • Handlungsunabhängig: Sie sind an keine konkrete Person, einen realen Ort oder eine bestimmte Handlung gebunden.

  • Lebensförderlich: Allen Bedürfnissen ist die Intention der Lebensbereicherung gemein. Sie sind also immer positiv, nehmen nicht von anderen und richten niemals Schaden an.

  • Unabhängig: Die Erfüllung eines Bedürfnisses schließt die Erfüllung anderer Bedürfnissen niemals aus - weder die der eigenen, noch die Anderer.

  • Gefühlsanzeigend: Ist ein Bedürfnis unerfüllt, fühlen wir das als unangenehme (Körper-)wahrnehmung. Wir fühlen uns im weitesten Sinne unwohl, mies, so richtig schweiße … you get the point.

Halte durch!

Oh gut, du bist noch da. Das war gerade schwer theorielastig und nicht gerade leichte Unterhaltungslektüre. Ich gelobe Besserung und werde mein Bestes geben, um diesen Nebel mit anschaulichen Beispielen zu vertreiben. Hab nur noch ein bisschen Geduld mit mir.

Short & Sweet

Marshall B. Rosenberg hat während der Entwicklung der GfK auf die Erkenntnisse des Ökonomen Manfred Max Neef zurückgegriffen und eine relativ leicht zu ergoogelnde umfassende Liste an menschlichen Bedürfnissen erstellt, auf die ich bestimmt irgendwann noch einmal zurück kommen werde.

Für unsere Zwecke werde ich diese Aufstellung allerdings - zumindest für den Anfang - radikal auf das Wesentliche reduzieren. Das bringt einen gewissen Konflikt mit sich. Einerseits bin ich Tierärztin und hier geht es immer noch um das Verhalten deines Tieres. Aus genau diesem Grund halte ich diese Vereinfachung für absolut sinnvoll und notwendig. Nicht, weil ich der überheblichen Meinung bin, dass Tiere irgendwie einfacher gestrickt wären als Menschen, sondern weil uns die Möglichkeiten fehlen abschließend zu beweisen, ob all‘ unsere Haustiere zum Beispiel ein gewisses Bedürfnis nach Ästhetik haben. Solche Überlegungen führen nur zu endlosen Diskussionen und lenken vom eigentlichen Ziel ab. Das wiederum lässt sich im Fall unserer Haustiere ganz wunderbar mit meiner reduzierten Liste erreichen. Was mich zum ‚andererseits‘ führt:

Andererseits habe ich nun schon mehrfach darauf bestanden, dass wir hier nicht nur nach einer Lösung für unsere Tiere streben, sondern nach einer, die eben auch die zweibeinige Beziehungshälfte berücksichtigt. Wenn man reduziert, dann lässt man eben Aspekte weg - das liegt in der Natur der Sache. Ich schlage vor, dass du trotzdem, auch an den kommenden Stellen, an denen es um dein eigenes Innenleben geht, mit meiner Sparversion beginnst. Solltest du an einen Punkt kommen, an dem dir das nicht mehr ausreicht, empfehle ich dir nach einem der vielen auf menschliche Bedürfnisse ausgerichteten Angebote da draußen zurückzugreifen. Neben den unzähligen Veröffentlichungen von Rosenberg selbst, gibt es auch eine Vielzahl an Sekundärliteratur und durchaus empfehlenswerte deutschsprachige und/oder kostenlose Gelegenheiten zur Vertiefung in die Materie.

Meine beinah kriminell kurze Bedürfnis-Liste

Von der oben stehenden Definition und der langweiligen Abfolge von Kriterien warst du möglicherweise wenig begeistert - es sei denn, du bist so ein merkwürdiger Nerd wie ich :-)

Zur Entschädigung kommt daher jetzt die Ultrakurz-Version, von der ich behaupte, dass sie alle Bedürfnisse enthält, deren Erfüllung zu Wohlbefinden führt:

  • körperliche Bedürfnisse

  • Sicherheit

  • Freiheit

  • Verbindung

Fertig!

The End

Ja, genau, ich behaupte hier frech, dass wir sowohl für uns selbst, als auch für unsere Haustiere nichts weiter tun müssen, als die Bedürfnisse nach diesen vier subjektiv empfundenen Zuständen zu erfüllen, um für Wohlbefinden zu sorgen.

Denn das ist das Ziel: Wohlbefinden für Tier und Mensch!

Machbar?

Das finden wir beim nächsten Mal heraus, wenn wir die ganze Abstraktheit mit Leben füllen. Dann gibt es auch die versprochenen Beispiele.

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1.6 Tierisch Under Pressure - Ohne Schuld und Scham zum eigenen Ziel